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„Du sollst leben“ – Sally Perel

„Du sollst leben“ – Sally Perel, der „Hitlerjunge Salomon“, erzählt in der Deutschen Schule Madrid aus seinem außergewöhnlichen Leben


Ein besonderer Gast hat die Deutsche Schule Madrid in dieser Woche besucht:

Der 94-jährige Zeitzeuge Sally Perel bot den zahlreichen Zuhörern am Dienstagabend die nur noch seltene Gelegenheit, die Geschichte des Nationalsozialismus aus „erster Hand“ zu erfahren. seine Biografie legt ein beredtes Zeugnis dafür ab, welch unglaubliche Wendungen ein Leben in schwierigen Zeiten nehmen und wie stark der Überlebenswille eines Menschen sein kann. Seine eindringliche und zutiefst menschliche Art des Vortrags machte diesen Abend zu einem ganz besonderen Erlebnis.

Zu Beginn seiner Erzählung wies Sally Perel darauf hin, dass für ihn die Erinnerung “das Geheimnis der Erlösung” sei. Von Beginn war spürbar, dass hier ein Mensch spricht, der eine Mission zu erfüllen hat: Dafür zu sorgen, dass sich Ausschwitz, das “Symbol der schlimmsten Tragödie der Menschheit, der Selbstmord der deutschen Kultur”, nicht wiederholen darf.

In Peine/Niedersachsen im Jahr 1925 geboren, erfährt er schon bald nach einer glücklichen Kindheit („Ich spielte Murmeln“), was es bedeutet, nach der „Machtergreifung“ Adolf Hitlers als Jude in Deutschland aufzuwachsen. Den Rauswurf aus seinem Gymnasium, nur weil er Jude war, bezeichnet Perel als das „traumatischste Erlebnis“ seiner Kindheit.

Mit den „Nürnberger Rassegesetzen“, die 1935 erlassen wurden, ist auch den Eltern von Sally Perel klar geworden, dass ein Verbleib in Deutschland nur ein Leben voller Repressalien und Ausgrenzung bedeuten würde. Die Familie wandert nach Lodz in Polen (aus, um dort ein neues Leben zu beginnen. Doch nach dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen und dem folgenden Ausbruch des Zweiten Weltkriegs endet auch diese kurze Lebensphase der vermeintlichen Sicherheit.

Die Eltern und die Schwester von Perel werden im Lodzer Ghetto interniert, und da ihnen klar war, dass man „zwar ins Ghetto hineinkommt, aber nie wieder heraus“, wird Sally zusammen mit seinem älteren Bruder Isaak weiter nach Ostpolen, das zu diesem Zeitpunkt unter sowjetischer Kontrolle stand, geschickt, um dort vor dem Zugriff der nationalsozialistischen Schergen geschützt zu sein. Die Abschiedsworte seiner Eltern bergen einen kaum lösbaren Konflikt: Sein Vater bittet ihn darum, immer er selbst, immer Jude zu bleiben, dann werde ihn Gott beschützen; seine Mutter hingegen gibt ihm den Auftrag: „Du sollst leben!“.

Sally Perel wird in Grodnow in einem Waisenheim untergebracht und besucht dort, von dauernder „Sehnsucht nach dem Ghetto und Mama und Papa“ gequält, eine ganz unter dem Einfluss der sowjetischen Erziehungsideale stehende Schule.

Im Zuge des Russlandfeldzugs ab August 1941 („Fall Barbarossa“) wird das Leben von Sally Perel erneut durch die Nationalsozialisten bedroht, auf der Flucht gerät er in deutsche Gefangenschaft.

Bewegend und bewegt schildert Perel, wie er sich angesichts der ihm als Jude drohenden Erschießung und im Sinne des Auftrags seiner Mutter dazu entschließt, sein Judentum zu leugnen, eine neue Identität als „Volksdeutscher“ mit dem Namen Josef (Jupp) Perjell anzunehmen, und fortan auf der Seite der Wehrmacht als Übersetzer und Frontsoldat tätig zu werden. Er nutzt somit seine „einzige Waffe, die Lüge“ dazu, sein Leben zu retten.

Von nun an lebt er in der ständigen Angst, entdeckt zu werden. Sein Judentum zu verheimlichen habe von nun an „ungemeines Geschick und Erfindungsreichtum“ erfordert. Dieses Doppelleben („Jude und Nazi, Opfer und Täter in einem Körper“), ein Leben “versteckt unter der Haut des Feindes”, bringt Perel immer wieder an die Grenze des Selbsthasses.

Perel gelingt es, dieses von nun an zu lebende “Doppelleben”, das stets von der Entdeckung bedroht war, für sein Publikum nacherlebbar zu machen, indem er einige Episoden aus dieser Zeit detailliert erzählt.

Als ihn ein Hauptmann adoptiert, wird er zwei Jahre später aufgrund der angespannten Situation an der Ostfront auf eine „Akademie für Jugendführung der Hitlerjugend“ bei Braunschweig gebracht. Es geschieht also das eigentlich Undenkbare: Ein Jude wird Hitlerjunge.

Auch dort lebt er in der ständigen Angst, doch seinem Erfindungsreichtum, seiner Anpassungsfähigkeit („Ich hatte die Hakenkreuze meiner Uniform verinnerlicht.”) und manchmal auch dem puren Zufall ist es zu verdanken, dass er bis zum Kriegsende trotzdem unentdeckt geblieben ist. Sally Perel betont, dass es ihn selbst erschreckt habe, wie empfänglich er sich für die nationalsozialistische Indoktrination gezeigt habe, er aber zugleich stets „die Seele [seines] jüdischen Ursprungs“ habe bewahren wollen.

Als er einige Wochen nach Kriegsende das ehemalige Konzentrationslager Bergen-Belsen besucht, kommt es zu einer ersten Konfrontation zwischen Jupp (Josef) und Sally. Dieses Spannungsverhältnis zwischen den beiden gelebten Identitäten prägt sein Leben bis heute.

Seine anschließende Ausreise nach Israel bedeutet aber für ihn nicht, dass er auch seiner Vergangenheit den Rücken kehrt. Deutschland, so Perel, bleibe für ihn bis heute “das Sentimentale”. Nach einer Herzoperation Mitte der achtziger Jahre entschließt er sich dazu, seine Geschichte zu erzählen, um dadurch die Nachricht von der “Heiligkeit des Lebens” in die Welt zu tragen. Seitdem hat er seine Lebensgeschichte unzählige Male erzählt.

Langanhaltender Beifall am Ende seiner zweistündigen Erzählung zeigt, dass Sally Perel trotz dieser Routine sein Publikum ganz für seine Geschichte einnehmen kann. Zahlreiche interessierte Fragen im Anschluss und der große Andrang am Signiertisch belegen das von Sally Perel als programmatisch verstandene Zitat des Filmregisseurs Steven Spielberg: “Zeitzeugen sind die besten Geschichtslehrer.”

Am darauffolgenden Tag erzählt Sally Perel seine Lebensgeschichte auch den Schülerinnen und Schülern der DSM (Klassen 6, 10. 11 und teilweise 12). In hoch konzentrierter Atmosphäre gelingt es Perel auch vor diesem Publikum, seine Lebensgeschichte erfahrbar zu machen. Er schließt mit den Worten: “Nun, nachdem ich euch meine Geschichte erzählt habe, seid auch ihr Zeitzeugen. Ich wünsche mir, dass ihr diese Verpflichtung weitertragt und die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät.” Beeindruckt erheben sich die jungen Zuhörerinnen und Zuhörer von ihren Sitzen und spenden langanhaltenden Beifall.

Wolfgang Berger

Hier zum Artikel von El Pais Artikel